Unterschichtenfernsehen?

TV Programm: Große Auswahl

TV Programm: Große Auswahl

„Verdummung, seelische Verwahrlosung“ der Fernsehzuschauer, diese Zitate liest man nicht erst seit gestern, wenn man sich mit dem Fernsehprogramm beschäftigt. Es sind nicht nur die Kritiker des traditionellen Feuilleton, die sich seit dem Aufkommen der Privatsender über das miese Niveau des Fernsehprogramm aufregen, sondern die Kritik am sogenannten „Unterschichtenfernsehen“ zieht sich quer über alle Bildungs-und Einkommensschichten hinweg. Gemeint ist damit vor allem ein Fernsehprogramm wie z.B. Talkshows, die Daily Soaps, Gerichtshows sowie die angeblich authentischen, aber mit Laienspielern besetzten „Dokumentationen“ oder „Kuppelshows“. Die Einschaltquoten dieser oft als „Assi-Sendungen“ bezeichneten Angebote sind teilweise erschreckend hoch und werfen natürlich die Frage auf, warum diese Sendungen so gut ankommen.

Die Gründe hierfür sind vielfältig. Zum einen ist der Fernsehkonsum mit der gewaltigen Vielfalt an Fernsehsendern im allgemeinen gestiegen und gerade bei Familien mit geringerem Bildungsstand ungleich höher als bei höheren Bildungsschichten. Zum anderen bietet das Fernsehprogramm im Alltag von vielen, oft auch noch arbeitslosen Menschen oftmals die einzige Struktur im Tagesablauf. Das Fernsehen ersetzt damit gemeinsam mit dem Internet soziale Netzwerke, sorgt für Orientierung und bringt Farbe in den ansonsten leeren Tag.

Dabei ist es für den Zuschauer oft tröstlich, wenn er Sendungen konsumieren kann, in denen es den Protagonisten noch schlechter geht als ihm selbst bzw. die sich in Milieus bewegen, die unterhalb des eigenen Milieus angesiedelt sind. So ist z.B. auch der Erfolg des Fernsehprogramm von RTL „Schwiegertochter gesucht“ zu erklären: Der Zuschauer wird bei den unbeholfenen Balzversuchen der Darsteller zwar zum „Fremdschämen“ angetrieben, bekommt aber das gute Gefühl vermittelt, dass man sich selber (angeblich) nie so peinlich benehmen könnte.

Interessant dabei ist, dass ein solches Fernsehprogramm keineswegs nur von den unteren Bildungs- und Einkommensschichten konsumiert wird, sondern auch z.B. von Akademikern, bei denen die Kluft zwischen dargestelltem und eigenem Milieu noch sehr viel höher ist. Insofern wäre es falsch davon auszugehen, dass das „Unterschichtenfernsehen“ nur auf die Bedürfnisse der Unterschichte ausgerichtet ist.

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