Jan Böhmermann – zwischen Genie und Wahnsinn

Mit einem Beitrag in seiner Sendung Neo Magazin Royale hat es Jan Böhmermann nicht nur wieder einmal in die Wahrnehmung der Presse, sondern dieses mal auch die gesamte Öffentlichkeit geschafft hat. Seine Schmähkritik gegen den Politiker Recep Erdogan hat sich binnen von wenigen Tagen zu einer Staatsaffäre („Fall Böhmermann“) entwickelt. Es geht um die Frage nach der Freiheit der Satire, der Freiheit der Kunst und natürlich auch um die juristische Bewertung seiner Aussagen. Es ist nicht das erste Mal, dass der Entertainer aus Bremen mit einem Beitrag seiner Sendung auf eher gemischte Kritiken gestoßen ist. Er wusste im Laufe seiner langen Karriere schon das eine ums andere Mal zu provozieren.

Die Stationen der Karriere von Jan Böhmermann

Seine Karriere begann der Entertainer, wie erstaunlich viele Menschen aus der deutschen Medienlandschaft, bei einer regionalen Zeitung. Böhmermann, der in Bremen geboren ist und dort auch weiterhin lebt, wechselte recht schnell zum Sender WDR, nachdem er bereits den Versuch einer Karriere als Schauspieler beendet hatte und auch ein Studium wieder abgebrochen hat. Beim WDR gelang es ihm erstmals überregionale Popularität mit einem Podcast zu erreichen. Hier parodierte er den deutschen Nationalspieler Lukas Podolski in mehreren Sendungen und über mehrere Jahre, was ihm eine Klage des Spielers und somit erste Aufmerksamkeit in den Medien einbrachte. Zur gleichen Zeit entwickelte Böhmermann ein Programm der Improvisations-Comedy, die ebenfalls beim Westdeutschen Rundfunk zu sehen war. Auch für RTL war und ist er seit dieser Zeit in verschiedenen Formaten zu sehen gewesen, wobei er selbst eine eher selbstironische Stellung zu der Zusammenarbeit mit diesem Sender einnimmt.

Große Popularität, vor allem bei einem jüngeren Publikum, konnte Böhmermann auch durch seine Auftritte im Radio erzeugen. Es begann mit der Reihe „Lateline„, die über drei Jahre auf verschiedenen Jugendsendern zu hören war und sich verschiedensten Themen aus dem Alltag und der Kultur gewidmet hat. Diese Show sollte auch später der Aufhänger für eines seiner Bühnenprogramme werden, mit denen er durch Deutschland gereist ist. Inzwischen hat er mit dem Entertainer und Sänger Oliver Schulz eine weitere Radiosendung mit dem Namen „Sanft & Sorgfältig„, die jeden Sonntag aufgezeichnet und im Anschluss auch im Internet zur Verfügung gestellt wird. Auch hier reden die beiden ohne ein Script miteinander und beschäftigen sich dabei vor allem mit Themen aus dem aktuellen Tagesgeschehen. Mit Schulz hat er außerdem eine Sendung mit dem Namen „Schulz & Böhmermann“ übernommen.

 

Durchbruch für Böhmermann im deutschen Fernsehen

Wird der genaue Zeitpunkt für den Durchbruch von Jan Böhmermann im deutschen Fernsehen beleuchtet, dann gab es zwei wichtige Stationen. Zusammen mit Charlotte Roche etablierte er das Format Roche & Böhmermann auf dem Sender ZDFKultur. Hier wurden prominente und nicht-prominente Gäste geladen und haben sich in einer Retro-Atmosphäre über Stationen und Lebensläufe unterhalten. Nach unbestätigten Ungereimtheiten zwischen den beiden Akteuren der Sendung wurde diese jedoch nach zwei Staffeln eingestellt. Trotzdem konnte sich Böhmermann bis zu diesem Zeitpunkt eine feste Fanbasis etablieren, die über seine Bekanntheit aus Radio und normalen Sendungen im Fernsehen hinausging.

Jan Böhmermann und Charlotte Roche beim Deutschen Fernsehpreis 2012

Jan Böhmermann und Charlotte Roche beim Deutschen Fernsehpreis 2012

Die zweite Station war die Entwicklung von Neo Paradise auf dem Spartensender ZDFNeo. Neben Clips und aktuellen Gästen aus der Branche der Unterhaltung ging es auch hier bereits häufig um Politik und andere Themen aus den News. Bereits hier entwickelte sich eine größere Fanbasis, die sich noch erweitert hat, als die Sendung auch im Spätprogramm des ZDF-Hauptsenders aufgenommen wurde.

Die Bedeutung von Böhmermann in Internet und Fernsehen

Der Erfolg von Jan Böhmermann selbst und seinen Sendungen basiert zum einen auf einem sehr direkten Humor, einer Entwicklung über das Internet und einer Fanbasis, die vor allem in den sozialen Medien sehr aktiv ist. Die Twitter- und Facebook-Accounts der Sendungen und des Künstlers sind stark frequentiert und beinahe jeder Inhalt seiner Sendungen ist auch bei YouTube zu finden:

 

Bei Neo Magazin Royale gibt es sogar Inhalte, die exklusiv für das Internet produziert werden und daher eine steigende Wirkung darauf haben, dass die Kommunikation mit dem Sender ansteigt. Zudem ist es ein wichtiger Teil der Sendung, mit dem Publikum vor dem Fernseher und im Internet zu agieren. Dazu passt es auch, dass die Sendungen meist zu den Formaten gehören, die in den Mediatheken des ZDF am häufigsten abgerufen werden.

Tatsächlich ist Böhmermann einer der ersten Künstler in Deutschland, der das Internet zur Vermarktung seiner Person und seiner Sendung in einer beinahe umfänglichen Breite nutzt. Er kommuniziert aktiv und bezieht klare Stellung bei vielen politischen Themen. Das gilt auch bei Diskussionen in anderen Formaten, in denen er in der Regel polarisierende Meinungen einnimmt. Bewusst heraufbeschworene Skandale, etwa der vermeintliche Mittelfinger des ehemaligen griechischen Finanzministers Varoufakis gegenüber dem deutschen Volk, war ein gutes Beispiel für die Vermarktung von bewussten Skandalen. Die Viralität der Inhalte über das Internet ist dabei ein hilfreicher Verstärker, der seine Videos und seine Aussagen schnell über das gesamte deutschsprachige Internet verbreitet, wofür er 2015 den Grimmepreis erhält!

Böhmermann und der Fall Erdogan

Am 31. März 2016 las Böhmermann in seiner Sendung ein Schmähgedicht auf den türkischen Präsidenten Erdogan vor (siehe Extra unten). Dabei handelte es sich um eine Reaktion auf ein Spott-Video der Sendung Extra3, die dafür in das politische Rampenlicht gekommen war. Bei diesem Gedicht nutzte Böhmermann bewusst deutliche Beleidigungen und versuchte auf diese Weise zu verdeutlichen, welche Form der Satire in Deutschland eindeutig erlaubt und welche verboten ist. In der Folge strebte Erdogan ein Verfahren gegen Böhmermann ab – sowohl auf der zivilrechtlichen als auch auf der staatsrechtlichen Ebene. Der betroffene Paragraph ist ein Relikt aus der Kaiserzeit, die Regierung hat dem Strafverlangen nachgegeben.

Im Zuge der Causa haben sich viele Prominente zu den Aussagen geäußert. Böhmermann wurde auch privat attackiert und stand zeitweilig nach Drohungen unter Polizeischutz. Es könnte sein, dass er in diesem Fall erstmalig die Wirkung seiner eigenen Person und seiner Satire unterschätzt hat. Auch wenn weder die Regierung noch der Sender in diesem Fall eine gute Figur machen, bleibt eine Bewertung der Satire schwer. Wer sich aber ein wenig mit dem Lebenslauf und den Skandalen rund um Böhmermann beschäftigt hat, weiß, dass er zurückkommen wird und es mit Sicherheit nicht der letzte Skandal seiner Karriere war. Böhmermann hat sich bis auf weiteres aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, wird aber sicher mit einem von vielen erwarteten Comeback auftrumpfen, und den Streisand-Effekt um die Person Erdogan weiter anheizen!

 

Nachtrag am 4. Mai 2016:

Jan Böhmermann meldet sich aus seiner „Pause“ mit einem Interview in der ZEIT zurück:

„Mein Team und ich wollen den Humorstandort Deutschland nach vorne ficken. Es ist dabei nicht meine Aufgabe, Kunst herzustellen, die Angela Merkel oder wer auch immer als angenehm empfindet oder die ihr politisch in den Kram passt.“ – Jan Böhmermann

ZEIT Können Sie den Vorwurf verstehen, dass Sie für jemanden, der gern austeilt, gerade wenig einstecken können?

Böhmermann Ich stecke, ehrlich gesagt, ganz schön viel ein. Eine Bundeskanzlerin, die sich persönlich und öffentlich in meine Arbeit einmischt und sich dann danach dafür entschuldigt, die Staatsanwaltschaft ermittelt, es liegen Strafanzeigen im »hohen dreistelligen Bereich« gegen mich vor und, das Schlimmste, Peter Altmaier ignoriert seit Wochen meine Freundschaftsanfragen bei Facebook – bei dem ganzen Stress sehen Sie mir bitte nach, dass ich lieber im Schaukelstuhl sitzen bleibe, mich raushalte und wieder zurückkomme, wenn alles wieder ein bisschen entspannter ist.

Nachtrag vom 18. Mai 2016:

Das Hamburger Landgericht verbietet Teile des Schmähgedichtes, andere lässt es weiterhin zu. Ein Teilerfolg für Böhmermann und wieder steht das Gedicht im Fokus der Öffentlichkeit und wird abermals oft zitiert, besonders die verbotenen Passaagen

Die Pressemitteilung:

„In Form von Satire geäußerte Kritik am Verhalten Dritter finde ihre Grenze, wo es sich um eine reine Schmähung oder eine Formalbeleidigung handele bzw. die Menschenwürde angetastet werde.“


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EXTRA: Das Schmähgedicht (ohne kontextualen Zusammenhang!) von Jan Böhmermann:

Sackdoof, feige und verklemmt,
ist Erdogan, der Präsident.
Sein Gelöt stinkt schlimm nach Döner,
selbst ein Schweinefurz riecht schöner.
Er ist der Mann, der Mädchen schlägt
und dabei Gummimasken trägt.
Am liebsten mag er Ziegen ficken
und Minderheiten unterdrücken,

Kurden treten, Christen hauen
und dabei Kinderpornos schauen.
Und selbst abends heißts statt schlafen,
Fellatio mit hundert Schafen.
Ja, Erdogan ist voll und ganz,
ein Präsident mit kleinem Schwanz.

Jeden Türken hört man flöten,
die dumme Sau hat Schrumpelklöten.
Von Ankara bis Istanbul
weiß jeder, dieser Mann ist schwul,
pervers, verlaust und zoophil –
Recep Fritzl Priklopil.
Sein Kopf so leer wie seine Eier,
der Star auf jeder Gangbang-Feier.
Bis der Schwanz beim Pinkeln brennt,
das ist Recep Erdogan, der türkische Präsident.

Analyse:

Bei dem Gedicht „Schmähkritik“ von Jan Böhmermann, dass selbstverständlich NICHT als einzelner zusammenhangloser Beitrag gesehen werden darf (TIPP: Schauen Sie sich den ganzen Betrag in seinem kontextualen Zusammenhang auf Youtube an!),  handelt es sich um ein Gedicht in drei Strophen mit einem klassischen Paarreim (aa bb cc dd). Die meist vierhebigen Zeilen sind gleich aufgebaut: Eine Beschreibung, wie Böhmermann den türkischen Präsidenten sieht, und in der darauffolgenden Zeile ein Vergleich oder eine weiterführende steigerung der zuvor aufgestellten These.

Er arbeitet hier stark mit Elementen der Übertreigung und bedient sich länderspezifischen Klischees, die er mit bestehenden Vorwürfen gegen Erdogan vermischt („Am liebsten mag er Ziegen ficken / und Minderheiten unterdrücken“). Er weist zwischen den Strophen immer wieder daraufhin, dass es sich hier um eine verbotene Form einer Schmähkritik handelt. Sie soll zeigen, wie man eine Person diffamiert. Neben persöhnlichen Ausprägungen seiner sexuellen Neigung (Gangbang-Feier, Ziegen ficken) und seiner primären Geschlechtsorgane (Schrumpelklöten) wird Erdogan als ein dreistirniges „Kinderschänder-Monster“ dargestellt: Neben dem Entführer von Natscha Kampusch, Wolfgang Přiklopil und dem österreichischen Straftäter Josef Fritzel, wird Racep Erdogan zur „Persona non Grata“ stilisiert: „Recep Fritzl Priklopil„.

 

 

Bildquelle:

wikipedia, unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“, Urheber: Jonas Rogowski

wikipedia, Foto: © JCS / Lizenz: CC-BY-SA-3.0 / GFDL

3s Kommentare to “Jan Böhmermann – zwischen Genie und Wahnsinn”

  1. Jesuis Bömi

    Apr 20. 2016

    haha, sehr gut!
    #jesuisbömi #freeböhmermann

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  2. Kimi

    Mai 24. 2016

    Satire darf sagen, was die konservative, objekte Berichterstattung nicht darf. Wer das nicht versteht, toleriert, sollte sich vorab erst einmal informieren. Sorry, wie viele die über Böhmermann „wettern“ haben vor 3 Monaen sich schon mit ihm auseinander gesetzt, Neo Royal gesehen, Böhmermann zugehört? Ich kenne die Antwort: wenige.
    Er ist doch erst durch das Schmähgedicht für Otto Normalverbraucher zum Gesicht gewesen. Dann wurde gleich über ihn gerichtet, allein der Tatsache geschuldet das der das Gedicht veröffentlicht hatte.
    Aber eigentlich ohne Ahnung zu Satire, Zu Böhmermann. Ist das typisch Deutsch? Das nicht zusammen stehen und halten, zum Abschuss freigeben?
    Ich hoffe nicht.
    Kimi

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