Die deutschen Bundeskanzler seit 1949

Die Bundesrepublik Deutschland konnte im Oktober 2015 den 25. Jahrestag der Einheit feiern. Im selben Jahr ist sie 66 Jahre alt geworden. Bedeutend für diese Phase ist vor allem die nicht nur für die deutsche Historie trotz etlicher Krisen außergewöhnliche Stabilität der politischen und sozialen Verhältnisse in Freiheit und Frieden. Es ist für die politische Stabilität der Bundesrepublik auch bezeichnend, dass bisher lediglich acht Politiker als Bundeskanzler Deutschland regierten. Auf der einen Seite weisen Amtszeiten von durchschnittlich acht Jahren auf Stabilität hin, andererseits auch auf den für eine funktionierende Demokratie unerlässlichen regelmäßigen Wechsel an der Führungsspitze.

Amtsinhaber sowie Amtszeiten im Überblick

  1. Konrad Adenauer, CDU (1949 bis 1963)
  2. Ludwig Erhard, CDU (1963 bis 1966)
  3. Kurt Georg Kiesinger, CDU (1966 bis 1969)
  4. Willy Brandt, SPD (1969 bis 1974)
  5. Helmut Schmidt, SPD (1974 bis 1982)
  6. Helmut Kohl, CDU (1982 bis 1998)
  7. Gerhard Schröder, SPD (1998 bis 2005)
  8. Angela Merkel, CDU (seit 2005)
Die „Mütter und Väter des Grundgesetzes“ haben dem bundesdeutschen Regierungschef unter anderem wegen der schlechten Erfahrungen in der Weimarer Republik eine starke politische Position geschaffen. Dem Bundeskanzler steht nach Art. 65 des Grundgesetzes mit der Richtlinienkompetenz das wesentliche politische Gestaltungsmittel zu. Zwar ist der Bundeskanzler wegen des ebenfalls grundgesetzlich verankerten Kollegialprinzips theoretisch vom Bundeskabinett überstimmbar, doch waren und sind alle Bundeskanzler in der Praxis die entscheidende Kraft der Exekutive, zumal die Ernennung und Entlassung der Bundesminister von der Kanzler-Empfehlung abhängig ist.

Konrad Adenauer, CDU (1949 bis 1963)

Der 1876 geborene, ehemalige Zentrumspolitiker und Oberbürgermeister seiner Geburtsstadt Köln Konrad Adenauer setzte sich in der Besatzungszeit für die Bildung einer überkonfessionellen und konservativen Volkspartei als Gegenpol zur SPD ein – Der CDU. Der 1945 bereits fast 70-jährige Jurist bestimmte das Bild der neuen Partei, deren Vorsitzender er von 1950 bis 1966 war. Gegen neutralistische Tendenzen in der CDU machte er die Vorstellung eines sich an den USA orientierenden Staates zur Parteilinie. Weniger umstritten war dagegen sein Bekenntnis zur Sozialen Marktwirtschaft. Nach der Bundestagswahl 1949 (CDU/CSU 31%, SPD 29%, FDP 11%) wurde er vom Bundestag als erster Bundeskanzler gewählt. Auch bei den folgenden drei Bundestagswahlen wurde die Union mit Adenauer als Kanzler stärkste Kraft im Bundestag, 1957 sogar mit absoluter Mehrheit.

Im Kalten Krieg setzte Adenauer den Beitritt zur NATO (1955) und die Gründung der Bundeswehr (1956) durch. Erfolgreich engagierte sich Bundeskanzler Adenauer für die Versöhnung mit Frankreich und band sein Land als EWG-Gründungsmitglied fest im beginnenden europäischen Einigungsprozess ein. In seiner Amtszeit erlebte das Land nach einer Phase des durch Mangel geprägten Aufbaus ab Mitte der 1950er Jahre einen stürmischen wirtschaftlichen Aufwärtstrend („Wirtschaftswunder“). Gesellschaftlich war die Adenauer-Zeit von ausgesprochen restaurativen Moralvorstellungen geprägt. Die Beteiligung vieler Deutscher am NS-Regime wurde nicht aufgearbeitet, sondern im Zuge der missglückten Entnazifizierung verdrängt oder verharmlost. Der schließlich auch in der eigenen Partei wegen seines häufig autoritären Führungsstils umstrittene „Alte von Rhöndorf“ trat 87-jährig im Zusammenhang mit der SPIEGEL-Affäre 1963 zurück. Vier Jahre später ist er gestorben.

Ludwig Erhard, CDU (1963 bis 1966)

Adenauers Nachfolger, der jovial wirkende Zigarrenraucher Ludwig Erhard, war Bundesminister für Wirtschaft gewesen. Erhard war in der Bevölkerung als „Vater des Wirtschaftswunders“ recht populär. Bei den meisten Spitzen der CDU galt der 1897 in Franken geborene Wirtschaftsprofessor aber als politisch leichtgewichtige Übergangslösung. Zwar konnte Erhard der CDU bei den Bundestagswahlen 1965 wieder zum Sieg verhelfen, doch führten vor allem seine finanzpolitischen Ansätze zur schwindenden Unterstützung. Als Koalitionspartner FDP wegen geplanter Steueranhebungen das Regierungsbündnis verlassen hatte, wurde der Druck auf Erhard so stark, dass er 1966 zurücktrat. Erhard ist 1977 gestorben.

Kurt Georg Kiesinger, CDU (1966 bis 1969)

Erhard hinterließ seinem Nachfolger Kurt Georg Kiesinger ein Land, das von seiner ersten schweren Wirtschaftskrise erschüttert wurde und in dem zusätzlich nicht nur die akademische Jugend lautstark begann, Kritik an als überlebt empfundenen gesellschaftlichen Normen zu üben. Der 1904 geborene Schwabe und Jurist Kiesinger bildete als Bundeskanzler nach dem Scheitern von Koalitionsverhandlungen mit dem Wunschpartner FDP überraschend mit der von Willy Brandt geführten SPD ein Regierungsbündnis. Von dieser ersten Großen Koalition wurden unter anderem die zu großen Protesten führenden Notstandsgesetze durchgesetzt. Kiesinger, der 1968 wegen seiner Ex-NSDAP-Mitgliedschaft publikumswirksam öffentlich geohrfeigt wurde, galt der APO (Außerparlamentarischen Opposition) der 1968er Bewegung als Hasssymbol. Von 1967 bis 1971 war Kiesinger, der 1969 die Bundestagswahl und damit auch sein Amt als Bundeskanzler verlor, CDU-Vorsitzender. Kiesinger ist 1988 gestorben

Willy Brandt, SPD (1969 bis 1974)

Die erste SPD-Bundeskanzlerschaft bedeutete nur bedingt eine Zäsur. Der Widerstandskämpfer, ehemalige regierende Bürgermeister von Berlin und seit 1964 an der Spitze der SPD stehende Journalist Willy Brandt (geboren 1913 in Lübeck) hatte bereits als Außenminister in der großen Koalition Regierungsverantwortung getragen. Unter dem Slogan „Mehr Demokratie wagen“ errang Brandt bei der Bundestagswahl 1969 so viele Stimmen für seine Partei, dass er zusammen mit der FDP eine sozialliberale Koalition bilden konnte. Bundeskanzler Brandt konzentrierte sich während seiner Kanzlerschaft auf eine Neuorientierung der Ostpolitik. Er wollte Konfrontation durch Annäherung ablösen. Sein Kniefall in Warschau und sein Besuch in Erfurt waren spektakuläre Schritte bei der Einigung über die Ostverträge mit Polen, der Sowjetunion und der Tschechoslowakei sowie den Grundlagenvertrag mit der DDR. Diese Verträge ebneten der weltweiten Entspannungspolitik entscheidend den Weg. Neben zahlreichen Reformen, die das gesellschaftliche Leben erheblich liberalisierten, zeichnete Brandt aber auch für den restriktiven Radikalenerlass verantwortlich. 1972 wollte die CDU/CSU-Fraktion Brandt durch ein Misstrauensvotum stürzen, scheiterte aber. Bei den Bundestagswahlen 1972 konnte die sozialliberale Koalition ihrer Position deutlich ausbauen. Im Zusammenhang mit der Guillaume-Affäre trat der amtsmüde Brandt im Mai 1974 zurück. Er blieb bis 1987 SPD-Vorsitzender. 1992 ist Friedensnobelpreisträger Willy Brandt gestorben.

Helmut Schmidt, SPD (1974 bis 1982)

Der Hamburger SPD-Mann und Volkswirt Helmut Schmidt (geboren 1918) verkörperte den Politiker-Typus des pragmatischen Machers. Unter Brandt als Finanzminister erfolgreich, konzentrierte sich Schmidt als Kanzler auf die Bekämpfung der anstehenden wirtschaftlichen Probleme. Innenpolitisch sah er sich zunehmend mit dem Terrorismus, der RAF konfrontiert. Die Unterstützung des NATO-Doppelbeschlusses, der Teil einer neuen Eiszeit im Ost-West-Verhältnis war, brachte ihm harsche Kritik, auch vom Koalitionär FDP, ein. 1982 zerbrach die Koalition und Schmidt wurde nach einem konstruktives Misstrauensvotum von Helmut Kohl (CDU) abgelöst.

Helmut Kohl, CDU (1982 bis 1998)

Der Pfälzer Historiker Helmut Kohl (geboren 1930) ist mit einer Amtszeit von 16 Jahren Rekordhalter unter den Bundeskanzlern geworden. Kohl gelang es, den Ost-West-Dialog aktiv zu halten. Insbesondere in dem Generalsekretär der KPdSU, Michail Gorbatschow, fand er einen adäquaten, für Veränderungsvorschläge offenen Gesprächspartner. Wenn die Bedeutung von Kohls Anteil an der Entwicklung der zur deutschen Einheit führenden Ereignisse auch unter Fachleuten noch ungeklärt ist, so ist unbestritten, dass Kohl nicht unerheblich zur deutschen Wiedervereinigung 1989 beigetragen hat. Der als „Einheits-Kanzler“ titulierte Kohl hat sich energisch für die Einführung des Euro eingesetzt. Deren Einführung 1999 hat er aber nicht mehr als Kanzler erlebt: Nach der Bundestagswahl 1998 musste er sich SPD-Spitzenkandidat Gerhard Schröder geschlagen geben.

Gerhard Schröder, SPD (1998 bis 2005)

Jurist Gerhard Schröder (geboren 1944 im Lipperland) bildete mit den Grünen die erste Bundesregierung links von der Mitte. Zu den Hauptthemen der Regierung Schröder gehörte der Atomausstieg. Weltweite Aufmerksamkeit erregte Schröders Weigerung, sich der US-Forderung zu beugen, Deutschland militärisch am Irak-Krieg zu beteiligen. Vor allem ist der Name Schröder aber mit dem Reformpaket „Agenda 2010“ verbunden, mit dem ein oft schmerzhafter Umbau des deutschen Sozial- und Arbeitsmarktsystems bewirkt wurde. Die Agenda 2010 führte zu erheblichen Stimmenverlusten der SPD bei den Bundestagswahlen 2005. Schröder musste die Regierungsmacht an Angela Merkel (CDU) abgeben.

Angela Merkel, CDU (seit 2005)

Die in der DDR aufgewachsene Physikerin Angela Merkel (geboren 1954 in Hamburg) ist die erste Frau an der Spitze der Bundesregierung. Die lange als „Kohls Mädchen“ unterschätzte Politikerin hat sich in ihrem Amt trotz ihr oft unterstellter Zögerlichkeit parteienübergreifend und auch auf internationalem Parkett Respekt erarbeitet. Zwischen den beiden Großen Koalitionen mit der SPD (2005-2009 beziehungsweise seit 2013) regierte die Bundeskanzlerin 2009 bis 2013 mit der FDP. Besondere Kritik erhielt sie im Zusammenhang mit ihrer Reaktion auf die Finanzkrise 2007/08. Unter dem Eindruck der Fukushima-Katstrophe 2011 schlug Merkel eine radikale Wende ihres bis dahin eher atomwirtschaftsfreundlichen Kurses ein und setzte den Termin für Deutschlands endgültigen Atomausstieg auf das Jahr 2022 fest. Merkels humane Reaktion auf die 2015 auf Europa zugekommenen Flüchtlingsströme und ihre Weigerung, das Asylrecht wegen der Flüchtlingsproblematik zur Disposition zu stellen, haben ihr weltweit Sympathie eingebracht.

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  1. Angela Merkel: Sie macht es noch ein Mal! • Allgemein, Kultur, News • org.de - 22. November 2016

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