Schlag den Raab – Raabs TV-Abgang nur ein Bluff?

Humor auf Kosten von medienunfähigen Menschen – das passt seit Generationen zum Zeitgeist und hat der medialen Karriere von Mediengenie Stefan Raab einen idealen Nährboden gegeben. Neben Quatsch-Comedy im gesprochenen und gesungenen Wort haben zahlreiche Schläge unter die Gürtellinie den Raab zu einem Fernsehurgestein gemacht.

Wieso sich der Raab wirklich geschlagen gibt

Mehr als ein Jahrzehnt durfte er mit regelmäßigen Sendungen die Fernsehlandschaft von ProSieben auf-und abwerten. Im Juni hat Stefan Raab einen finalen Schlag unter die Gürtellinie verteilt, der dieses Mal vor allem sein Publikum getroffen hat. Über Pressemitteilungen gab der 48-Jährige bekannt, dass er sich nach Ende des Jahres aus dem Fernsehgeschäft zurückzuziehen will. Im Dezember versucht ein Kandidat in der 50. Sendung von Schlag den Raab, den Raab zu schlagen. Weil er sich ab 2016 total aus dem TV-Geschäft ausklinken wird, wird es ab dem nächsten Jahr auch TV total und Spin-Offs wie die Wok-WM nicht mehr geben. ProSieben verliert damit große Teile des gegenwärtigen Programms und zeigt sich auf allen Kanälen bedauernd. Das mag man dem Sender glauben, denn der Raab hat ihnen Spekulationen zufolge etwa 60 Prozent ihrer Quoten beschert.

Alter schützt auch den Raab vor Schlägen nicht

Offiziell gibt Allrounder Raab an, sich im besten Verhältnis von ProSieben zu trennen. Er könne sich einfach nicht vorstellen, mit 50 noch Fernsehen zu machen. In dieser offiziellen Stellungnahmen klingt es schon an: das Thema Alter. Im Oktober wird der Raab 49 Jahre alt. Vor allem für seine Sendung Schlag den Raab ist das eine gewaltiges Zahl. Das gilt insbesondere, weil sich Stefan Raab nicht gerne geschlagen gibt. Sportliche Höchstleistungen hat der ehrgeizige Allrounder regelmäßig erbracht. Mit zunehmenden Alter fällt ihm das vermutlich nicht mehr sonderlich leicht. Wenn sich der Raab bei Schlag den Raab regelmäßig geschlagen geben müsste, dann wäre Schlag den Raab nicht mehr Schlag den Raab, sondern ein teures Vergnügen, das vermutlich am Ego und selbstgebauten Image des Unterhalters nagen würde. Dass sich der Raab mit 50 nicht mehr im TV-Business sieht, kann also tatsächlich einer von vielen Gründen für seinen selbst entschiedenen Rücktritt sein. Von Sportlern und Sportlerinnen wie Regina Halmig richtig auf die Schnauze zu kriegen, ist mit 50 eben keine rosige Zukunftsperspektive mehr. Bekannte des TV-Giganten sehen die Zukunft des Raab eher hinter der Kamera als im SchlagdenRaab-Ring. Auch von einem Rückzug in den privat familiären Bereich ist die Rede, den Raab durch die strikte Trennung von seiner Show-Persönlichkeit bislang notgedrungenerweise vernachlässigt haben dürfte. Weil das Showbusiness aber eine große Show ist, vermutet man im Schatten der offiziellen Stellungnahme mittlerweile aber noch andere Gründe als Einflussfaktoren auf die Ausstiegsentscheidung.

Raab geht, bevor er gegangen wird

Auf Facebook und Twitter flehen die Fans den Raab nach den Ausstiegsankündigungen massenhaft zum Bleiben an. Offensichtlich trifft der Abgang des TV-Giganten ein breites Publikum. Zumindest heute noch. Aber hätte sich in einigen Jahren überhaupt jemand für seinen Ausstieg interessiert? Magazine wie der Focus erkennen Raabs eigens gewähltes Branchenende als idealen Ausstiegszeitpunkt an. Der Abgang des TV-Giganten ist heute noch ein würdevoller. Seine Sendungen weisen noch immer solide Einschaltquoten auf. Nur echte Quotensieger sind sie mittlerweile nicht mehr. Sogar Florian Silbereisen hat Schlag den Raab mit seinem „Großes Fest der Besten“ kürzlich überholt, was die Einschaltquoten betrifft. Vom ungeschlagenen Quotenhit sind Raabs Sendungen also längst zur soliden Quote abgestiegen. Wenn sich diese Tendenz weiterfortsetzen würde, könnten sich die Sendungen irgendwann nicht mehr halten. Von einem selbst gewählten Ausstieg könnte dann keine Rede mehr sein. Was macht ein Fernsehurgestein da überlegterweise? Natürlich gehen, bevor man gegangen wird. Stefan Raab will wegen fallender Quoten vermutlich nicht irgendwann einen Platzverweis vom Sender erhalten. Er kennt das Business wie kein Zweiter und hat sich in seiner 16-jährigen Karriere schon öfter durch perfekte Planung und die richtige Nase für die rechte Zeit bewiesen. Sein Abgang ist ein letzter Beweis für dieses Branchen-Gespür. Ehrgeizig ist der Raab auch. Da möchte er sich natürlich ersparen, wie Harald Schmidt als hoffnungsloser Quotenverlierer in die Fernsehgeschichte einzugehen. Leise Kritik an Raabs Formaten hat sich in der jüngsten Zeit bereits breit gemacht. Nach Jonas Leppins Woche TV total im Selberversuch bezeichnet er die Sendung als lieblosen Fernsehschrott, der nicht viel witziger daherkommt, als die Tagesschau. Noch sind die Negativstimmen leise. Bevor sie zum Gegröle einer Horde Fußballfans werden, hat sich Raab längst zurückgezogen.

Stefan Raabs Motto ala nicht genieren zu polarisieren

Ganz abgesehen vom leisen Abstieg der Quoten: im Programm von ProSieben hinterlässt Raab trotzdem eine große Lücke. Seine Geschichte ist mit Sicherheit eine einzigartige.

  1. 1990 beginnt er als Produzent von Werbejingles seine Karriere. Er schreibt Musik für Stars wie Bürger Lars Dietrich und betreibt einen eigenen Musikverlag namens „Roof Groove. Noch 1990 nimmt er mit The Best of Schäng and the Gäng Vol. 3 zusammen mit Jazz-Trompeter Brönner sein erstes Album auf und moderiert zwischen 1993 und 1998 Vivavison.
  2. Mitte der 90er moderiert er Ma’ kuck’n und landet mit Böörti Böörti Vogts einen deutschlandweiten Hit. Die erste Goldene Schallplatte erhält er noch im selben Jahrzehnt. Außerdem schickt er Ende der 90er Guildo Horn mit Guildo hat euch lieb in den Eurovision Song Contest. Im selben Jahr gründet er die Firma Raab TV, die zu einer Tochter von Brainpool TV GmbH wird.
  3. 1999 startet TV total. Spin-offs wie die Wok-Weltmeisterschaft, Schlag den Raab, das Turmspringen oder die berüchtigten Stockcar-Rennen entwickeln sich nach der Jahrtausendwende. Mit Singles wie Maschen-Draht-Zaun geht auch seine Musikkarriere weiter.
  4. Mit „Wadde hadde dudde da?“ nimmt er am Eurovision Song Contest 2000 teil.
  5. Anfang der 2000er veranstaltet er außerdem den Casting-Wettbewerb SSDSGPS − Stefan sucht den Super-Grand-Prix-Star und bringt damit Musiker wie Max Mutzke hervor. Mit seinem Bundesvision Song Contest fördert er deutsche Musiker. Die Entdeckung von Lena Meyer-Landrut im Rahmen der Show Unser Star für Oslo gilt als einer von Raabs wichtigsten Erfolgen.
  6. 2010 gewinnt Lena den Eurovision Song Contest. Sinnentleerter Quatsch unter der Gürtellinie, nennen es die einen. Da muss man ja fast hinschauen – ist wie bei einem Autounfall. Was der Raab anfasst, macht er zu Gold, sagen die anderen. Der Raab geniert sich nicht, sich selbst zu blamieren und was er auf jeden Fall kann, ist polarisieren.

Wird sein Nachfolger den Raab schlagen können?

Die Suche nach einem Nachfolger für den großen Raab gestaltet sich im Anbetracht von Stefan Raabs vielfältigen Aufgabenbereichen vermutlich schwierig. Nichtsdestotrotz will ProSieben schon einen Plan ausgeheckt haben. Laut der Bild-Zeitung wird der 26-jährige Komiker und Autor Luke Mockridge in die gigantischen Fußstapfen von Stefan Raab treten. Bestätigungen hat es von Seiten des Senders noch nicht gegeben. Ob Luke den Raab schlagen wird, steht in den Sternen. Ersetzen können wird ihn für die Fans vermutlich keiner. Vielleicht muss sein Nachfolger den Raab aber auch gar nicht schlagen, sondern lediglich etwas Neues verkörpern. Da die Quoten von Raabs Sendungen ohnehin auf dem absteigenden Ast waren, tut frischer Wind dem Sender wahrscheinlich gut. Ob Luke Mockridge dieser frische Wind sein wird, wird sich 2016 zeigen. Polarisieren kann das Patenkind von Dirk Bach zumindest. Schon während seines Studiums war er am Bühnenprogramm des High School Musicals beteiligt und seit 2012 tourt er mit seinem Soloprogramm I’m Lucky, I’m Luke! durch Deutschland. Im Quatsch Comedy Club, in NightWash, TV total und dem RTL Comedy Grand Prix war er bereits zu Gast und an Switch reloaded war er als Autor beteiligt. Seit 2013 moderiert er NightWash und bei Sat1 ist er in seiner eigenen Sendung „Luke! Die Woche und ich“ zu sehen. Polarisiert hat er in der Vergangenheit vor allem mit Lästereien über seine Ex-Freundin, die ihm von Seiten der Emma die Negativauszeichnung Pascha des Monats einbrachten. Mit Raabs Rückzug aus der TV Landschaft wird definitiv eine neue Ära anbrechen. Ob diese Ära besser oder schlechter sein wird, lässt sich so bislang nicht vorhersehen. Die Bewertung wird dem Publikum überlassen bleiben und sich spätestens an den neuen Einschaltquoten zeigen.

 

Bildquelle: BJ, Ruth Moschner Fanclub / Diese Datei ist unter der Creative Commons Attribution 3.0 Unported lizensiert.
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