Hellmuth Karasek ist tot

Literaturkritiker haben nur selten einen Bekanntheitsgrad, der sie bei für am literarischen Betrieb nur bedingt interessierten Durchschnittsbürgern zum Begriff werden lässt. Zu den wenigen Literaturkritikern, die es geschafft haben, in diesem Sinn populär zu werden, gehörte der streitbare, polarisierende und konsequent die öffentliche Aufmerksamkeit suchende Marcel Reich-Ranicki (1920-2013). Ähnlichen Ruhm erarbeitete sich einer seiner Kollegen, der sich durch regelmäßige TV-Präsenz als sympathisch-humorigen, aber dabei nicht weniger intellektuellen Gegenentwurf zum gockelig-cholerischen Reich-Ranicki zu positionieren verstand: Hellmuth Karasek. Der Tod des Kritikers am 29. September 2015 beendete ein in bedeutender Weise das kulturelle und politische Klima in der Bundesrepublik Deutschland mitbestimmendes Leben.

Frühzeit in zwei Diktaturen

Erfahrungen als Kind und Jugendlicher in zwei Diktaturen haben Karasek zum überzeugten Humanisten und Ablehner eines sich elitär-literarisch gebenden Bildungsbürgertums, das sich über dem politischen Alltagsgeschäft erhaben fühlt, werden lassen. Hellmuth Karasek kam am 4. Januar 1934 in der damals zur Tschechoslowakei gehörenden mährischen Metropole Brünn zur Welt. Die Eltern, die den Untergang der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie bedauert hatten und sich in der tschechoslowakischen Republik nicht zuhause fühlen wollten, begrüßten die gewaltsame Angliederung ihrer Heimat an Hitler-Deutschland 1939. Der kleine Hellmuth verabscheute allerdings den NS-Ton in der Schule und den öden Dienst in der HJ. Von seinen Eltern gezwungen, musste er sogar einige Monate als „Jungmann“ in einer NS-Eliteschule erdulden, bis die Familie 1944 vor der Roten Armee nach Mitteldeutschlnd flüchtete. In Bernburg (Sachsen-Anhalt) besuchte Karasek die Oberschule und machte 1952 als Jahrgangsbester sein Abitur. Abgestoßen vom Stalinismus in der DDR setzte er sich im selben Jahr über die damals noch relativ offene Grenze in die Bundesrepublik ab.

Einstieg in das journalistisch-literarische Feld

In Tübingen studierte er Geschichte, Germanistik und Anglistik. 1958 reichte er seine Doktorarbeit ein. Der junge Dr. phil. wurde Journalist. Auf seiner Anfangsstation bei der „Stuttgarter Zeitung“ konnte der Theater-Fan, der sich zeitweilig auch als Chefdramaturg am Staatstheater in Stuttgart versuchte, so überzeugen, dass ihn „Die Zeit“ von 1968 bis 1974 Literatur-und Theaterkritiken schreiben ließ. Mit der Übertragung des Leitungspostens im „Spiegel“-Kulturbereich hatte es Karasek mit 40 Jahren endgültig in die Oberliga des bundesdeutschen Kulturjournalismus geschafft.

Streitbar und vielseitig aktiv

Karaseks „Spiegel“-Ära endete 1996 nach einer heftigen hausinternen Auseinandersetzung wegen der Ablehnung des Abdrucks einer Karasek-Kritik an dem Dietl-Film „Rossini“. Karasek, der in den Folgejahren als Mitherausgeber des Berliner „Tagesspiegels“ sowie für Springer-Zeitungen wie „Die Welt“ und „WamS“ arbeitete, verarbeitete seine Erfahrungen mit dem „Spiegel“ in dem 1998 veröffentlichten Schlüsselroman „Das Magazin“. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits als fester Bestandteil der Vierer-Riege von Kritikern in der erfolgreichen ZDF-Reihe „Das Literarische Quartett“ zur TV-Größe geworden. Von 1988 bis 2001 zerzupften Karasek, Reich-Ranicki und zwei weitere Kritiker Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt. Dabei gab Reich-Ranicki regelmäßig den „Bad Guy“ und Witze-Fan Karasek den jovialen Gutwilligen. „Das Literarische Quartett“ war aber nicht die einzige öffentliche Bühne, auf der sich Karasek willig für das TV-Publikum produzierte. So war er Pate einer RTL-Spielshow und regelmäßig in Talks-Shows präsent. 1992 wurde Hellmuth Karasek, der unter seinem Pseudonym „Daniel Doppler“ mehrere Theaterstücke geschrieben hatte und der zahlreiche fachwissenschaftliche Bücher und Aufsätze veröffentlicht hatte, von der Hamburger Universität zum Honorar-Professor ernannt.

Die Wahlheimat seiner zweiten Lebenshälfte war Hamburg geworden. In seiner Wohnung im noblen Alster-Stadtteil Harvestehude ist Karasek, der zweimal geheiratet hat und Vater von vier Kindern geworden war, am 29. September 2015 81-jährig an den Folgen einer Gallengang-Krebserkrankung gestorben.

 

 

Bildquelle: Hirurg/Bigstock.com

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